Die smarte Diktatur

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Wir leben in einer Demokratie – und dennoch, speziell als Smartphone-Besitzer, in einer “smarten Diktatur”. In seinem gleichnamigen neuen Buch zeigt der Soziologe Harald Welzer, wie die Überwachung via Smartphone und PC unsere demokratischen Grundwerte aushebelt.

Er wolle kein apokalyptisches Szenario entwerfen oder die Anbieter von Internetdiensten dämonisieren, schickt Harald Welzer im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur gleich vorweg. Dennoch wird nach der Lektüre von Welzer neuem Buch klar: Der Soziologe und Sozialpsychologe befasst sich in “Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit” auf eine ernst zu nehmende Form von Totalitarismus. Und empfiehlt am Ende des Buches gar, sich umgehend seiner Smartphones zu entledigen.

Wir unterwerfen uns freiwillig

Über diese nämlich unterwerfen wir uns freiwillig einer Art diktatorischem Überwachungsstaat. Nur, dass es sich dabei weniger um politische als um private, soziale Massenüberwachung handelt. Erst seit zehn Jahren gebe es Smartphones, sagt Welzer, doch deren Einfluss sei immens:

“Man muss ja nur einmal S-Bahn fahren oder in irgendeinem Warteraum sitzen, um zu sehen, wie sich unsere Welt verändert hat.”

Ihm sei kein anderer historischer Fall bekannt, “wo sich das so schnell verändert hat. Und ich finde, allein das ist schon etwas, worüber man nachdenken muss, zumal es verbunden ist mit so einer wechselseitigen Normenkontrolle und Überwachung.” Denn: Das Netz vergesse nichts.

Warum funktioniert es so gut?

Welzer findet im Buch Antworten auf die Frage: Warum funktioniert das eigentlich so brillant? Warum erledigen das Internet und seine Dienstleister das mit Leichtigkeit, wofür man in früheren Zeiten die ausgebufften Profis der Geheimdienste bemühte?

“Der Trick liegt darin, dass wir mit jeder Konsumhandlung diese Daten liefern. Das heißt, das, was die am meisten sinnstiftende Handlung in unserer Gesellschaft ist – nämlich: ‘Kaufen, kaufen, kaufen!’ – ist gleichzeitig das Zahlmodell dafür, wo wir unsere Daten abliefern.” Niemand müsse heute eigentlich mehr Daten erheben – denn die Leute lieferten sie ja freiwillg.

Die Demokratiefeindlichkeit darin: Die Menschen würden vereinzelt, indem jeder die für ihn maßgeschneiderten Informationen auf sein Smartphone und seinen Computer geschickt bekomme.

Durch Algorithmen werde unser gesamtes Leben berechenbar – und die Datenfülle sei bedrohlich: “Die Macht besteht darin, dass ich die Menschen vereinzele. Ich krieg nur noch das, von dem der Algorithmus weiß, und nur damit werde ich gefüttert. In so einer Welt machen wir keine Erfahrungen mehr aus Zufall. Und das ist eine Steuerungsmöglichkeit: Wenn ich da politische Informationen so gezielt vergebe, kann ich unglaublich manipulieren. So funktioniert Demokratie nicht.”

Politik soll weitestgehend abgeschafft werden

Dem Google-Chef Eric Schmidt, dem Paypal-Gründer Peter Thiel und vielen anderen prominenten Akteuren der IT-Branche wirft Welzer vor, demokratiefeindlich zu sein. “Denen geht es darum, dass Politik weitestgehend abgeschafft gehört oder unwichtig wird.” Alles solle dem Markt und Algorithmen überlassen werden.

“Wir verlieren auf diese Weise die zentrale zivilisatorische Errungenschaft: Teilhabe an den Angelegenheiten und am Gemeinwohl.” Ihn irritiere, in welcher Offenheit diese “Gruselwelt” propagiert werde, sagt Welzer. “Man denkt: Das kann doch bitte nicht wahr sein.”

Die Hoffnung gibt Welzer aber nicht auf: “Noch sind wir eine freie Gesellschaft. Wir können solche Sachen verhindern.” Demokratie und Freiheit müssten erkämpft werden: “Und jetzt ist der Zeitpunkt, dass man tatsächlich dafür kämpfen muss.”

(Quelle: deutschlandradiokultur.de)

(Quelle: br)

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